Matthias Beckmann

Von Altenbourg nach Altenburg


In Altenburg will ich Altenbourg zeichnen. Da das Atelierhaus von Gerhard Altenbourg umfassend renoviert wird, ändere ich meinen Plan und zeichne auf Einladung des Lindenau-Museums in ebendiesem Haus. Ich bereue es nicht.

Den prachtvollen Museumsbau im Park sieht man schon von weitem, wenn man sich ihm vom Bahnhof kommend nähert. Für Bernhard August von Lindenaus Sammlungen wurde er errichtet, und er wirkt heute fast ein wenig zu groß für die Stadt. Dort finde ich vieles, was mein Zeichnerauge erfreut. Dass es hier die größte Sammlung frühitalienischer Tafelbilder nördlich der Alpen gibt, vermutet man nicht. Ich habe die Bilder meist für mich, wandere in den biblischen Landschaften umher, zwischen Heiligen, Madonnen und Jesusknaben, erlebe Martyrien, Geburten, Kreuzigungen und Auferstehungen.

Raffaels Sixtinische Madonna schmückt als Kopie den vieleckigen Vorraum. Gegenüber ganz wunderbare, bewegte Terrakotta-Büsten von Jean-Antoine Houdon. Geht man nicht geradeaus zu den Italienern, sondern nach links oder rechts, erblickt man Säle mit Malerei vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart – Klinger, Felixmüller, Dix, Heisig, Mattheuer, Stelzmann, Brodwolf.

Als ich in der Kunstbibliothek zeichne, herrscht nach einer Besprechung noch ein wohltuendes Durcheinander auf dem großen Studientisch. Zu große Ordnung ist nicht das, was ich als Zeichner schätze. Am wohlsten fühle ich mich, wenn viel herumsteht, es einiges zu sehen gibt und jeder Positionswechsel zugleich eine völlig neue Sicht auf den Raum ermöglicht. Deshalb zeichne ich so gerne in Depots, bei Ausstellungsaufbauten oder in Werkstätten. Interessiert begleite ich als zeichnender Beobachter Tilman Kuhrt und die kunstbegeisterten Kinder in der kleinen Druckwerkstatt des Museums.

Eine kleine, erlesene Sammlung griechischer Vasenmalerei erreiche ich, nachdem ich den Saal mit den Gipsabgüssen antiker Plastiken durchschritten habe. Der Barberinische Faun räkelt sich und schaut mir nach. Immer wieder mache ich halt, stelle meinen Anglerhocker auf und halte Durchblicke fest, wechselnde Perspektiven, Details. Die Gipse beginnen zu leben, als bei einer Museumsveranstaltung ein Musiker sein E-Piano zwischen ihnen aufstellt. Ich mag es, wenn Alltägliches auf Erhabenes trifft, Gegenwart auf Vergangenheit, wenn sich die Sphären mischen. Zuweilen entsteht so etwas wie Komik.

Mit meinem Druckbleistift fahre ich den Linien der Kunstwerke, der Räume, der Besucher und des Museumsmobiliars nach. Ich radiere nicht und vertraue darauf, dass am Ende auf dem Blatt alles stimmig erscheinen wird. Krumme Linien akzeptiere ich. Wenn ich Menschen zeichne, darf ich schon gar nicht zögerlich sein. Man weiß nie, wie lange sie die schöne Position halten werden. Meine Modelle stehen mir nicht Modell, sie wollen weiter.

Schon jetzt freue ich mich darauf, dass in in der Jubiläumsausstellung des Lindenau-Museums meine Zeichnungen ins Gespräch mit den gezeichneten Räumen und den alten Architekturzeichnungen des Gebäudes kommen. Ich werde das Gespräch diskret belauschen.


aus: Sabine Hofmann u.a., "Ein ebenso schöner, wie geistreicher Mann …" - Bernard August von Lindenau im Dienste der Wettiner, Lindenau-Museum Altenburg 2016 
Seite 116




 

 

 

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