Matthias Beckmann im Gespräch mit Jutta Meyer zu Riemsloh

Alte Titel, neue Bilder

 

Was steckt hinter der Idee für die Bildfolge Alte Titel, neue Bilder?

Wie stellt man das Urteil des Paris dar, die Heimkehr der Jäger oder die Geburt der Venus? Das ist das Thema der umfangreichen Zeichnungenserie Alte Titel, neue Bilder, die im Sommer 2015 entstand. Die Maler der Renaissance und des Barock wussten, was sie malen sollten und wie man die Inhalte richtig und verständlich darstellt. In den Malerwerkstätten griff man gerne auf Musterbücher und ikonografische Werke zurück. Die Iconologia (1591) des italienischen Gelehrten Cesare Ripa war besonders beliebt. Hier erfährt man, wie abstrakte Begriffe bildlich-allegorisch dargestellt werden. Ich besuche gerne die Berliner Gemäldegalerie und erfreue mich an den Werken wie auch an den dargestellten Themen, die ich manchmal verstehe und manchmal auch nicht. Da kam es mir in den Sinn, dass es so viele interessante Themen und Bildtitel gibt, zu denen ich gerne neue Bilder schaffen möchte.

Interessant zu wissen wäre, ob für Alte Titel, neue Bilder zunächst vor Ort eine Zeichnung entstanden ist und Sie danach einen „Alten Titel“ gesucht haben, oder sind Sie von einem Titel ausgegangen und haben dann nach entsprechenden Motiven Ausschau gehalten?

Ich habe mir die schönsten Titel aus verschiedenen Sammlungskatalogen und Übersichtswerken herausgeschrieben und bin mit dieser Liste auf die Suche nach passenden Motiven gegangen, die ich auf der Straße, in Einkaufspassagen, Museen, auf Baustellen und an anderen Orten zu finden hoffte.

Mit schwarzem Pigmentstift zeichnete ich auf mehr als 200 Blättern im DIN-A5Format jeweils einen Rahmen für das neue Bildmotiv. Darunter steht der alte, vertraute Bildtitel. Alle Zeichnungen entstanden nach der Natur an unterschiedlichen Orten.

In diesem Büchlein sind nun 50 Zeichnungen vereint, alphabetisch nach Titeln geordnet, ein kleines Vademecum der Kunstgeschichte, durch das im Kopf des Betrachters neben dem jeweils betrachteten Bild andere Bilder auftauchen können. 

Um die Feinheiten der Anspielungen zu lesen und das raffinierte Spiel mit unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung Ihrer Werkserie Alte Titel, neue Bilder zu durchschauen, verlangen Ihre Arbeiten dem Betrachter schon einige Kenntnisse im Hinblick auf prägnante Werke, Motive oder Gattungen der Kunstgeschichte sowie Wissen im Bereich biblischer Themen oder der griechischen Mythologie ab.

Ich muss auch immer wieder die alten Geschichten nachlesen. Leider bin ich sehr vergesslich. Heute sucht sich jeder Künstler selber seine Bildinhalte. Es kann nicht mehr vorausgesetzt werden, dass das Publikum die Geschichten aus der Bibel und der griechischen Mythologie kennt oder eine Allegorie zu deuten weiß. Deshalb benötigen wir Hinweistafeln im Museum, die uns über die Zusammenhänge aufklären. Oft dauert der Blick auf die Schrifttafel länger als der auf das dort erklärte Gemälde. Der Betrachter ist zufrieden, wenn er das Beschriebene auf dem Kunstwerk wiederfindet, und schreitet weiter, denn er hat nun ja alles verstanden.

In der Zeichnung Aufmarsch der Nullen beispielsweise sieht der Betrachter ein Schaufenster eines Geschäftes, in welchem Luftballons mit dem Aufdruck O 2 dichtgedrängt angebracht sind. Die Form der Ballons und der Schriftzug potenzieren die Kreisformen. Kennt man das Werk Aufmarsch der Nullen von Werner Heldt (1933/1934), auf das sich der Titel offensichtlich bezieht, bekommt die Szenerie eine komplett andere Bedeutung, wenn man den zeitgeschichtlichen Hintergrund bedenkt. Sind solche Bezüge beabsichtigt?

Zunächst steht das ganz Banale, die Nichtigkeit im Vordergrund. Das „O“ hat die gleiche Form wie die „0“ (Null). Die Serie spielt häufig damit, dass sich das Banale an bedeutungsstarke Titel klammert. Der Alltag, die Straßenszenen sind dabei ein wichtiges Moment. Die Serie regt natürlich dazu an, unterschiedliche Bezüge herzustellen, je nach eigenem Erfahrungshorizont. Gerade im heutigen Kunstkontext bezieht sich vieles auf gesellschaftliche Phänomene und die Versprachlichung ist sehr wichtig. Eine Fährte wird gelegt und – ist sie noch so irreal oder surreal – doch gleich aufgenommen.

Das vergnügte Spiel mit unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen und das Zeichnen um des Zeichnens willen ist in vielen Arbeiten dieser Werkserie abzulesen. Das Werk René Magrittes Ceci n’est pas une pipe zeigt die realistische Abbildung eines Objektes, in diesem Fall einer Pfeife, die jedoch nicht mit dem realen Objekt identisch ist. Ihre Zeichnung mit dem Bildtitel Magrittes treibt das scheinbare Paradoxon noch auf die Spitze. Man ist verwundert, keine Pfeife zu sehen, sondern einen Jäger mit Gewehr. 

Wir sind es gewohnt, dass ein Bild seine Bedeutung durch den Text oder Titel bekommt, der mit ihm verbunden ist. Denken Sie an ein Pressefoto. Je nach positiver oder negativer Konnotation deuten wir das Bild anders. René Magritte hat sehr stark mit Sprache gearbeitet und deshalb eignet er sich ganz besonders für mich. Bei mir ist es nicht so tiefsinnig und philosophisch wie bei Magritte, eher wie ein Kalauer. Ceci n’est pas uns pipe ist ein Titel, der zu den meisten Zeichnungen passen würde, da ja fast alles keine Pfeife ist. Der abgebildete Jäger ist mein Großvater bei der Kaninchenjagd. Grundlage ist ein Foto aus einem Familienalbum. In diese Serie fließt auch Persönliches ein, das nicht für jeden lesbar ist, aber für mich. 

Auch Ihr Humor, Ihre feine Ironie und der Sinn für Skurriles kommen hier besonders zum Ausdruck: Cadavre Exquis (die vorzügliche oder köstliche Leiche) bezeichnet eine im Surrealismus entwickelte spielerische Methode, dem Zufall bei der Entstehung von Texten und Bildern Raum zu geben. Auf diese Weise kann das kritische Denken ausgeschaltet und der metaphorischen Fähigkeit des Geistes Raum gegeben werden. In ihrer Zeichnung sehen wir das Bild des von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian. Weitere Beispiele sind die Arbeiten Aus dem Leben des Hl. Stephanus oder Melencolia I.

Der Heilige Sebastian wird in seiner Qual tatsächlich oft sehr kostbar und köstlich dargestellt, so auch bei Rubens. Er ist geradezu verzückt. Zum Teil fand ich die alten Motive durch Zufall, wie z.B. den Kentaur auf dem Logo der Drogeriemarktkette Rossmann, Dürers Melencolia I als Inspiration für das Schild   Melancholie I einer zweifelhaften Cocktailbar nahe der Jannowitzbrücke in Berlin, oder ich sah in den Pflastersteinen einer Baustelle geheime Anspielungen auf das Martyrium des Hl. Stephanus. Überhaupt bin ich der Meinung, dass es oft genügt, einer alltäglichen Szene einen anspruchsvollen Titel zu geben, dann stellt sich wie von selbst im Kopf des Betrachters ein Zusammenhang her. Die Surrealisten waren die wahren Meister dieser unpassenden Verbindungen, die doch immer auch passend sind.

Man spürt eine ungebrochene Freude am zeichnerischen Erkunden dessen, was Sie umgibt. Wie kam es zu der Entscheidung, besser gesagt, wie haben Sie ihren Weg gefunden, sich ausschließlich der Linie zuzuwenden?

Ich habe immer gezeichnet. Farbe stand bei mir nie im Vordergrund. Anfangs arbeitete ich in meinen Zeichnungen mit Licht und Schatten. Sie waren recht akademisch, am 19. Jahrhundert orientiert. Mit der reinen Linienzeichnung nach der Natur begann ich 2001 während eines Stipendienaufenthalts in Paris, als ich zunächst als Flaneur ein visuelles Tagebuch führen wollte und dann ganz bewusst immer wieder die gleichen Orte aufsuchte. Durch die Reduktion auf die Linie kann man eine Zeichnung in relativ kurzer Zeit erstellen und auch bewegte Situationen schnell erfassen. Einen Strich setzen und nicht verändern, das ist auch ein Anliegen. Kleine Fehler und perspektivische Ungenauigkeiten nehme ich in Kauf, weil mich der Gesamtzusammenhang und die Schönheit der Linie mehr interessieren. 

Beim Betrachten der Zeichnungen hatte ich das Gefühl, Ihnen versteckt zu begegnen: in der Allegorie der Malerei, basierend auf einem Meisterwerk des Künstlerportraits von Jan Vermeer, aber auch im Seestück, einem sehr sinnigen Wortspiel, aufgrund der Ansicht und Aufsicht auf ein paar Sandalen sowie in Hieronymus im Gehäuse. Liege ich mit meiner Vermutung richtig?

Ja. Im ersten Werk ist mein Schatten zu sehen. Ich dachte dabei an das im 19. Jahrhundert beliebte Bildmotiv der Erfindung der Malerei. Plinius berichtet, dass eine junge Frau beim Abschied vor einer Reise den Schatten des Geliebten nachzeichnete. Der Schattenriss ist der Ursprung der Zeichnung. Und es sind tatsächlich meine Füße im Seestück. Was sich vor meinen Füßen schlängelt, sind Kabel, deren Form mich an die stilisierte Darstellung des Wassers in David Hockneys Swimmingpool-Bildern erinnerte. Beim Zeichnen nach der Natur kommen einem merkwürdige Gedanken. Maske und Lampe in Hieronymus im Gehäuse zeigen den Blick von meinem Zeichentisch auf die Wand. Mein Gehäuse ist die Stube des Zeichners. 

Einige Zeichnungen führen an die Grenze der Assoziationsmöglichkeiten. Ich denke dabei an die Arbeiten Der bethlehemitische Kindermord, zu sehen ist ein Ventilator, oder an das Bildnis des Jacob Muffel, ein Portrait des Nürnberger Ratsherren, das Albrecht Dürer 1526 schuf. Die freie Form lässt Assoziationen an einen Kreisel in Rotation aufkommen. Schließlich das Bildnis eines Irrsinnigen, dessen Titel sich auf ein Werk Théodore Géricaults bezieht. Der Betrachter wird hier mit dem „Bildnis“ eines Stückes Holz, in welchem ein Geweih eingewachsen ist, konfrontiert. Ist damit die Grenze erreicht, Beiläufiges und Bedeutendes zusammenzuführen?

Halten Sie niemals den Finger in einen laufenden Ventilator. Und werfen Sie das angeschlossene Gerät nie in eine gefüllte Badewanne. Das hat schlimme Folgen. Es geht natürlich um das Ausloten der Möglichkeiten. Manchmal ist es gut, wenn etwas unverständlich ist. In der zeitgenössischen Kunst ist es schon fast ein Qualitätsmerkmal, wenn völlig Unverständliches zusammengeführt wird und etwas bleibt, das nicht aufgelöst werden kann.

Zum Schluss stellt sich noch die Frage, ob die Bildfolge Alte Titel, neue Bilder abgeschlossen ist. Sie sind ja mit einigen Bildtiteln im 20. Jahrhundert angelangt, so zum Beispiel in einem Bezug auf Marcel Duchamps Akt, eine Treppe hinabsteigend, was wiederum auf Gerhard Richters Ema verweist, Swinging London 67 von Richard Hamilton oder Nighthawks von Edward Hopper. Könnten Sie sich vorstellen, sich auf diese Weise auch mit der Gegenwartskunst auseinanderzusetzen?

Die Serie ist abgeschlossen. Bei der Wahl der Titel war alte Kunst für mich oft geeigneter, weil immer wieder die gleichen Geschichten erzählt werden. In der neueren Kunst gibt es keinen Kanon der Inhalte mehr. Es gibt einige Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts, die durch Reproduktionen so bekannt sind, dass man sich auf sie beziehen kann, und deren prägnante Titel geradezu zur Kombination mit einem neuen Bild einladen – beispielsweise das Werk von Georg Baselitz Die große Nacht im Eimer. In der Vorstellung kann man immer weiterzeichnen.

||