Barbara Welzel

Auf-Zeichnungen eines Stadtwanderers

 

Versuchen wir es doch einfach einmal. Gehen wir als Flaneur auf den Hellweg in Dortmund – als Stadtwanderer mit dem schweifenden, neugierigen Blick, um den Klang dieser Stadt zu suchen, die Geschichten, die sie erzählt, die Bilder, die sie für Beobachter bereithält.

Die Flaneure waren ausgewandert. Ihre Laboratorien, die Metropolen des beginnenden 20. Jahrhunderts, sind in der Mitte des extremen Jahrhunderts untergegangen. Die völlig veränderten Städte nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Vertreibung der Juden und der Entmischung kultureller Vielfalt, nach den Kriegszerstörungen, nach einem Wiederaufbau, der mindestens in der alten Bundesrepublik zahlreiche gesichtslose Fußgängerzonen an die Stelle pulsierenden Lebens gesetzt hatte, waren kein Ort für Flaneure, für die Geschichtensammler städtischen Lebens.

Erst in den letzten Jahren kommen neue Flaneure, streifen wieder Stadtwanderer durch die Städte. Sie folgen keinen touristischen Pfaden, sie betreiben kein Sight-seeing, sind nicht auf Geschäftswegen unterwegs und eilen nicht zu einem Termin. Sie verlangsamen den Schritt, etwa wenn Matthias Beckmann nicht den Fotoapparat zückt, sondern mit Stift und Papier Eindrücke sammelt. Er nimmt uns in seinen Auf-Zeichnungen mit auf wenige Quadratmeter des Hellwegs: die Einkaufszone mit den ausgesetzt wirkenden Stühlen eines Straßencafés, mit der riesigen Reklame-Eiswaffel. Die Auslage des Waffengeschäftes, die Kaufhausdekorationen des Schlussverkaufs, die Schaufensterpuppen mit Reizwäsche, die Unorte der Stadt mit den überquellenden Mülleimern, die Marktstände und das aufgebockte Auto einer Lotterie, die Curry-Pommes-Bude vor den Fenstern der Petri-Kirche. Und eben diesen Blick behält Matthias Beckmann bei, wenn er die Kirche betritt: Während der Sanierungsarbeiten an der Fußbodenheizung ist die Kanzel in Plastikfolie verpackt, wird an den Lampen gearbeitet, quellen Kabel aus Öffnungen im Fußboden. Schon länger ist das „Goldene Wunder“, der monumentale Schnitzaltar – seit 1521 eines der bedeutendsten Kunstwerke in der einstigen Hansestadt Dortmund – durch eine provisorische Trennwand klimatisch geschützt. Vom Gerüst aus zeichnet Beckmann Skulpturen, flaneurhafte Einblicke in die Reliefkästen des mittelalterlichen Kleinods. Vielleicht sind diese beiläufigen und auch unterschiedslosen Blicke unerwartet, doch auf seine Weise bringt Beckmann das Altarwerk zurück in die Stadt.

 

 

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